Orange-Seeking

Die Schwedische Startup-Firma PingPal hat eine App mit Namen "Pandora's App" entwickelt, die das Lawinen-Risiko flächig auf die Karte projiziert. Diese App wurde im Rahmen der Studie Smartphones as support for out of bounds skier decisions verwendet, die das Ziel hatte das Verhalten von Varianten-Skifahrern zu untersuchen. Die Studienergebnisse wurden an der ISSW 2014 vorgestellt.

Diese Studie wird als Argument zitiert, wenn gezeigt werden soll, dass durch Tools wie Skitourenguru höhere Risiken eingegangen werden (Stichwort: Orange-Seeking).

Im folgenden möchten wir Punkt für Punkt erklären, warum diese Studie nur geringe Aussagekraft für den Skitourenguru hat. Dazu muss kurz das Setup der Studie erklärt werden:

Zwanzig Varianten-Skifahrer wurden mit der App ausgerüstet. In einer ersten sogenannten Kontrollphase stand den Skifahrern eine Landkarte sowie die Gefahrenstufe zur Verfügung. In einer zweiten, sogenannten Effektphase wurde die Karte flächig mit Risiko-Information (grün, orange und rot) angereichert. Das Bewegungs-Verhalten der Skifahrer wurde vollumfänglich aufgezeichnet. Die Resultate zeigten, dass in der zweiten Phase tendenziell vermehrt oranges oder gar rotes Gebiet aufgesucht wurde. Daher der Begriff Orange-Seeking.

1. Fokus auf Varianten-Skifahrer

Die Studie fokussiert ausschliesslich auf Varianten-Skifahrer. Das Verhalten von Skitouren-Gängern wird explizit nicht untersucht. Es ist davon auszugehen, dass sich das Verhalten von Varianten-Skifahrer erheblich unterscheidet von demjenigen der Skitouren-Gänger. Dafür spricht ein Nebenresultat der Studie. Eine der wenigen Korrelationen, die die Studie finden konnten, ist jene zwischen Altersstufe und Risikoverhalten. Je jünger das Publikum, desto länger hielten sich die Testpersonen in gefährlichem Gebiet auf. Inwieweit Varianten-Skifahrer eher jung und Skitouren-Gänger eher alt sind, soll hier nicht weiter erörtert werden. Es genügt darauf hinzuweisen, dass sich das Verhalten dieser zwei Gruppen unterscheidet, da es sich um zwei andere Sportarten, die in einem anderem Umfeld stattfinden, handelt.

2. Planungsphase versus Durchführungsphase

Skitourenguru liefert eine Entscheidungs-Hilfe, die während der Planungsphase (Filter 1 der 3x3-Regel) zum Zuge kommt. Skitourenguru hilft die "richtige" Skitour auszuwählen. Skitourenguru "verbietet" nicht Touren sondern schlägt "gute" Touren vor. Die in der Studie verwendete App kommt hingegen während der Durchführungsphase (Filter 3 der 3x3-Regel) zum Einsatz. Sie warnt den User laufend während dem Skifahren. Es liegt auf der Hand, dass Testpersonen während der Planungs-Phase einfacher zu "steuern" sind, als während der Durchführungsphase. Spätestens wenn die Testperson an der Einfahrt zu einer steilen Pulverschnee-Abfahrt steht, wird es nicht mehr einfach sein diese Person alleine durch Farbgebung zu stoppen.

3. Ziel der Studie

Die Studie arbeitete mit 20 Testpersonen. Von den 20 Daten-Samples konnten jedoch nur 8 (!) Samples verwendet werden. Die studienführenden Wissenschaftler relativieren denn auch die Aussagekraft der Ergebnisse: "As the main purpose of this study was to develop the app and to explore potentials for further research we should not overestimate our results in general terms. The experiment consisted of too few participants, and the winter was, as regards to avalanches, with little variation in avalanche danger." Offensichtlich ging es darum vorerst mal die Tools zu entwickeln und zu testen, um anschliessend auf dieser Schiene weiterführende Studien erstellen zu können.

Die Studie wirft nicht die Frage auf, welche andere Faktoren zu den beobachteten Unterschieden zwischen Phase 1 und 2 hätten führen können. An dieser Stelle sollen nur zwei mögliche alternative Ursachen genannt werden:

  • Wetterverhältnisse
  • Zunehmende Vertrautheit mit dem Gelände und den Verhältnissen

4. Verwendetes Modell

Ein weiteres Fragezeichen darf an das verwendete Modell gesetzt werden. Das sogenannte Avaluator-Modell kombiniert die Geländeklasse (ATES) mit der Gefahrenstufe. Der entsprechende Algorithmus ist simpel, setzt dieser doch lediglich eine einfache Matrix um. Die grosse Herausforderung liegt in der ATES-Gelände-Klassifizierung. Wird die Klassifizierung von Hand gemacht, so läuft diese Gefahr uneinheitlich auszufallen. Einer automatischen Klassifizierung steht ein grosses Hindernis im Wege. Die ATES-Kriterien liegen vorwiegend in qualitativer und nicht in quantitativer Form vor. Ein weiterer Knackpunkt bei der Klassifizierung liegt in der Wahl eines  geeigneten Massstabes bzw. Auflösung. Mehr zum Thema ATES findest du hier.

Wenn nun den 20 Test-Usern Risiko-Karten vorgelegt werden, die nicht über jeden Verdacht erhaben sind (die Karten-Samples im Paper deuten darauf hin), dann stellt sich die Frage inwieweit die eventuelle Unglaubwürdigkeit der Karten das Verhalten beeinflusst hat.

Aus den genannten Gründen ist Skitourenguru der Ansicht, dass die erwähnte Studie wenig bis keine Aussagekraft für das Verhalten von Usern gibt, die Skitourenguru in ihre Tourenplanung integrieren.

Skitourenguru ist jedoch der Ansicht, dass das Studien-Setup sehr vielversprechend ist. Man darf gespannt sein, zu welchen weiterführenden Resultaten es noch kommen wird. Im Winter 2015/16 wird Skitourenguru übrigens das Routen-Wahl-Verhalten der User aufzeichnen. Es geht um die Frage welche Routen die User anclicken. Sind dies vorwiegend grüne Routen oder sind auch viele orange und rote Routen mit dabei. Wie diese Daten dann interpretiert werden ist zur Zeit jedoch noch eine offene Frage.