Gefahr oder eben doch Risiko?

Ein wiederkehrendes Thema unter Lawinenexperten ist die Frage, was eigentlich der Unterschied zwischen Gefahr und Risiko ist. Insbesondere die Frage, was zu den sogenannten Reduktionsmethoden (Strategische Methoden) herauskommt, wird gelegentlich kontrovers diskutiert. So behauptet Benjamin Reuter bspw. in BergUndSteigen 4/2020: Auch mit den sogenannten strategischen Methoden der 1990er-Jahre beurteilen wir erst einmal nur die Gefahr.

1. Von Haifischen

Da gibt es diesen schönen Vergleich mit den Haifischen. Du bist auf einem Boot, das Meer ist voll von Haifischen. Es besteht also die Gefahr gefressen zu werden. So lange du auf dem Boot bleibst, gehst du kein Risiko ein. Ein Risiko ergibt sich erst, wenn du ins Wasser springst. Im Wasser bist du gegenüber der Gefahr exponiert. Angenommen das Boot befinde sich in seichten Gewässern, du springst aber trotzdem ins Wasser, dann dürfen wir davon ausgehen, dass du zwar immer noch ein Risiko eingehst, aber es kleiner ist als in tiefen Gewässern. Du riskierst allenfalls vom Haifisch angeknabbert zu werden, denn der Haifisch liebt seichtes Wasser nicht.

Fig. 1: Es kommt auf den Aufenthaltsort an: Links ist das Risiko klein, rechts ist es gross obwohl in beiden Fällen eine Gefahr lauert.

2. Zurück zur Lawine

Reduktionsmethoden, wie die GRM oder die QRM erlauben es das Lawinenrisiko aus dem Lawinenbulletin und aus dem Gelände abzuleiten. Bei der GRM tragen wir auf der x-Achse die Gefahrenstufe ein, auf der y-Achse die Hangneigung (siehe Figur 2). So lange wir uns im flachen Gelände aufhalten (und weit weg von Hängen sind), befinden wir uns quasi im Boot, wir gehen kein Risiko ein. Begeben wir uns in Gelände der Neigung 25°, dann gehen wir ein tiefes Risiko ein. Bewegen wir uns aber in Gelände der Neigung 35°, gehen wir potentiell ein hohes Risiko ein. Wir sind mitten unter Haifischen. Es geht also um den Aufenthaltsort. Die Hangneigung ist ein Mass dafür, wie stark wir uns der Lawinengefahr aussetzen. Einzelne Autoren unterscheiden weiter in Exposition und Verletzlichkeit. Diese zwei Begriffe sind jedoch eng miteinander verknüpft.

Mehr Infos zur Hangneigung als Einflussfaktor auf das Risiko: Lawinenrisiko in Abhängigkeit der Neigung.

Die Hangneigung ist schon mal ein ganz passabler Parameter für unsere Exposition gegenüber der Lawinengefahr. Noch besser ist der sogenannte Terrain-Indicator, der in der QRM zur Anwendung kommt. Dieser Parameter berücksichtigt nämlich auch die Neigungen in grösserer Entfernung von unserem Standpunkt. Zudem fliesst auch ein Parameter mit ein, der wichtig ist zur Bestimmung der Konsequenzen im Falle einer Lawinenauslösung: Die Hanggrösse.

Nicht überall, wo Risiko drauf steht, ist auch Risiko drin. Im Falle der Reduktionsmethoden und insbesondere von Skitourenguru kommt als Output Risiko heraus, so viel steht schon mal fest. Dass dem so ist, kannst du auch an der Figur 1 gut erkennen. Die GRM wird vom Kernteam Ausbildung Lawinen (KAT) der Schweiz herausgegeben.

Fig. 2: Was kommt zur GRM als Ergebnis heraus: Tiefes, erhöhtes bzw. hohes Risiko

3. International Organization for Standardization (ISO)

Die ISO setzt sich schon lange mit diesen Begriffen auseinander. Da es sehr unterschiedliche Konzepte von Risiko gibt, hat sich die ISO auf eine offene Definition geeinigt:

Risk is defined as the effect of uncertainty on objectives: ISO Guide 73:2009, ISO 31000:201 and ISO 2394:2015.

Risiko wird also definiert, als der Effekt von Unsicherheit auf Ziele. Ziele! Das lässt aufhorchen. Kein Risiko ohne die Definition von Zielen. Bei den Haifischen ist einfach: Das Ziel ist von Haifischen nicht verletzt zu werden bzw. nicht getötet zu werden.

Liegt auch bei Lawinen das Ziel auf der Hand? Nur auf den ersten Blick. Wir wollen die folgenden drei Ziele definieren

  1. Ziel: Keine Lawine auszulösen
  2. Ziel: Im Fall dass wir doch eine Lawine auslösen möchten wir von dieser nicht mitgerissen werden. Falls wir doch mitgerissen werden, möchten wir das Schadensausmass (Konsequenzen) möglichst tief halten. Als unerwünschte Konsequenzen sind zu nennen: Erstens grosse Verschüttungstiefe und zweitens Absturz.
  3. Ziel: Obige Ziele sind ganz einfach zu erreichen: Wir bleiben zu Hause. Wollen wir eine allumfassende Betrachtung machen, müssen wir also noch ein drittes Ziel definieren: Bewahrung eines Freiheitsraumes. Ökonomen würden im Zusammenhang mit diesem Ziel auch von positiver Utility sprechen (z.B. Gewinn). Risiko ist also nicht notwendigerweise nur mit Verlust verknüpft.

Reduktionsmethoden vermitteln zwischen diesen drei Zielen, d.h. sie erlauben es ein Optimum zu finden, zwischen unserem Bedürfnis nach Unversehrtheit und unserem Bedürfnis nach Freiheit. Der Fokus der klassischen Reduktionsmethoden liegt auf dem Ziel 1 und dem Ziel 3. Grundsätzlich können Reduktionsmethoden aber auch mit dem Ziel 2 umgehen. Die QRM macht das zum Teil.

4. Die Konsequenzen einer Lawinenauslösung

In den letzten Jahren hat die Lawinenkunde vermehrt auch die Aufmerksamkeit auf die Frage gerichtet, was geschieht, wenn ein Wintersportler eine Lawine auslöst. Da geht es dann um folgende Fragen: Wie gross wird die Lawine? Hat es eine Geländefalle weiter unten, wo sich viel Schnee ansammeln kann und dem entsprechend grosse Verschüttungstiefen zu erwarten sind? Kann ich in Folge einer Lawine weit abstürzen? Wichtige Fragen! Eine angemessene Antwort ist nicht immer einfach zu haben. Insbesondere ist es schwierig abzuschätzen wie viel Schnee bei einer Lawine mitgerissen wird. Die Fragen nach den Konsequenzen richten sich primär an erfahrene Wintersportler. Wir Normalsterblichen sollten vermeiden eine Lawine auszulösen (Ziel 1). Wir können nun, nachdem wir den Begriff Konsequenzen eingeführt haben eine weitere, ISO-Definition von Risiko untersuchen:

Risk is often expressed in terms of a combination of the consequences of an event and the associated likelihood of occurrence: ISO Guide 73:2009, ISO 31000:201 and ISO 2394:2015.

Um die Wahrscheinlichkeit und die Konsequenzen zu "kombinieren" wird in der Regel das Produkt (Multiplikaton) herangezogen. Dann ergibt sich die folgende eher enge Definition von Risiko:

Risiko wird definiert als das Produkt aus der Auslösewahrscheinlichkeit und deren möglichen Konsequenzen

Dass die Auslösewahrscheinlichkeit eng mit der Hangneigung und der Gefahrenstufe verknüpft ist kannst du in folgendem Artikel nachlesen Schweizer, J.: Hangneigung - Eine Schlüsselgröße zur Verminderung des Lawinenrisikos, BerrgUndSteigen 4/2006. Bei den Konsequenzen ist es nicht anders. Die Hangneigung ist schon mal ein ganz passabler Vertreter für die Konsequenzen einer Lawinenauslösung. Dazu nur eine Zahl: Gemäss dem Avalanche Risk Property Dataset (ARPD) weist die Hangneigung (SA) und die Maximale Absturzgeschwindigkeit (FD_MAXV) eine hohe Korrelation auf (0.61).

Die Auslösewahrscheinlichkeit ist also eine Funktion (f1) der Hanggrösse und der Gefahrenstufe, aber auch die Konsequenzen sind in erster Näherung eine Funktion (f2) der Hangneigung. Wenn wir diese zwei Formeln in die Definition oben einsetzen, ergibt sich:

Risiko := f1(Hangneigung, Gefahrenstufe) * f2(Hangneigung) = f(Hangneigung, Gefahrenstufe)

Es ist genau diese Formel für die sich der etwas gewöhnungsbedürftige Begriff Reduktionsmethode oder wer das lieber hat Strategische Methode durchgesetzt hat. Die Hangneigung hat es eben in sich.

Die Funktion f ist übrigens weitgehend unbekannt. Wir können Experten eine willkürliche Annahme treffen lassen (GRM) oder wir können die Funktion so gut wie möglich mit Hilfe von Predictive Modelling aus dem Avalanche Risk Property Dataset (ARPD) abschätzen (QRM).

5. Fazit

Umgangssprachliche Begriffe wie Gefahr und Risiko lassen sich nicht einfach fassen. Je nach Gebiet (Ökonomie, Ingenieurswesen, Naturgefahren, Psychologie, Versicherungen) werden die Begriffe zwar ähnlich, aber auch unterschiedlich angewandt. Eine gute Übersicht über die Breite von diesem Begriff findest du auch auf der englischsprachigen Wikipedia unter dem Stichwort Risk. Es gibt die eine Wahrheit nicht. Letztendlich geht es v.a. darum explizit zu machen von welcher Definition wir ausgehen.

Wenn du nun der Ansicht bist, dass diese Debatte keine weiteren Implikationen für dich hat, dann lass dir folgendes gesagt sein: Du hast recht!

Wichtig für dich: Das was zur Reduktionsmethode heraus kommt ist eine relevante Grösse für deine Entscheidungen.